Denken Frauen eher beziehungsorientiert und Männer eher ergebnisorientiert?
Behauptung 1: Männer sind „Ergebnisdenker“. Sie denken lösungsorientiert und strukturiert, legen Wert auf Fakten und klare Hierarchien.
Behauptung 2: Frauen sind „Beziehungsdenker“. Sie denken prozessorientiert und ganzheitlich, legen Wert auf Konsens, Harmonie und das soziale Umfeld.“
Klischee oder Tatsache?
Geschlechterstereotype sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Die Realität ist komplexer!
- Vereinfachung: Menschen beiderlei Geschlechts können je nach Situation, Persönlichkeit und Berufserfahrung sowohl ergebnisorientiert und faktenbasiert als auch prozessorientiert und harmoniebedürftig denken. Eine Person ist selten entweder das eine oder das andere.
- Sozialer Kontext: Viele dieser Unterschiede sind nicht rein biologisch, sondern werden durch soziale Prägung (Sozialisation) und kulturelle Erwartungen geformt. Wenn Mädchen von klein auf zu mehr Konsens und Jungen zu mehr Wettbewerb erzogen werden, beeinflusst das das Verhalten im Erwachsenenalter.
- Wissenschaftliche Einordnung: Die Neurowissenschaft hat keine klaren Beweise dafür gefunden, dass Männer und Frauen fundamental unterschiedliche „Denkstile“ dieser Art haben. Zwar gibt es minimale strukturelle Unterschiede im Gehirn, aber die Forschung zeigt überwiegend, dass die Gehirne von Männern und Frauen viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen und sich individuell stark ähneln.
Vorurteil (Stereotyp) 1
Ein sehr gängiges und weit verbreitetes Vorurteil (ein Stereotyp) zum Thema „Denk- und Verhaltensmuster“ von Männern gegenüber Frauen lautet:
„Frauen sind emotionaler und weniger rational in Entscheidungen, besonders in Stresssituationen. Männer sind logischer und treffen Entscheidungen faktenbasiert.“
Der Kern des Vorurteils: Es ordnet Männern die Eigenschaften Logik, Rationalität und Faktenorientierung zu, während Frauen die Eigenschaften Emotionalität, Subjektivität und Impulsivität zugeschrieben werden.
Die Auswirkung: Dieses Stereotyp wird oft verwendet, um Frauen die Fähigkeit zu effektiver Führung, zu komplexen technischen oder wissenschaftlichen Berufen oder zur Entscheidungsfindung in Krisensituationen abzusprechen. Es impliziert, dass Emotionen immer ein Hindernis für gute Entscheidungen sind.
Die Realität: Wie vorher erwähnt ist die Realität komplexer – also vielschichtig. Die Psychologie zeigt, dass Menschen beiderlei Geschlechts Emotionen und Logik kombinieren, und dass sowohl Männer als auch Frauen in Stresssituationen rational oder emotional reagieren können. Die Zuschreibung ist eine starke Vereinfachung (Klischee) komplexer menschlicher Verhaltensmuster.
Vorurteil (Stereotyp) 2
Ein sehr gängiges Vorurteil (Stereotyp) zum Thema „Denk- und Verhaltensmuster“, das oft von Frauen gegenüber Männern verwendet wird:
„Männer hören nicht richtig zu und vermeiden tiefgründige Gespräche. Sie sind nur lösungsorientiert und fixiert auf das Ergebnis, anstatt sich mit dem Prozess oder den Gefühlen auseinanderzusetzen.“
Der Kern des Vorurteils: Es ordnet Männern ein defizitäres Kommunikationsverhalten zu. Sie werden als emotional distanziert, lösungsorientiert (im Sinne von: wollen das Problem nur schnell „wegmachen“) und beziehungsvermeidend dargestellt.
Der zugeschriebene Unterschied: Dieses Vorurteil speist sich aus der Beobachtung, dass Männer in Gesprächen oft schnell Ratschläge oder Lösungen anbieten („Du solltest einfach…“), während Frauen eventuell eher Empathie und das Teilen von Emotionen erwarten („Ich will mich einfach nur aussprechen.“).
Die Realität: Dieses Verhalten ist weniger eine biologische oder geschlechtsspezifische Denkweise, sondern oft ein Unterschied in kommunikativen Stilen, die durch Sozialisation erworben wurden. Traditionell werden Männer dazu erzogen, Probleme zu beheben und unabhängig zu sein, was sich in ihrem lösungsorientierten Gesprächsstil widerspiegelt. Viele Männer sind jedoch sehr wohl fähig und bereit, tiefgründige und prozessorientierte Gespräche zu führen – es hängt stark von der individuellen Persönlichkeit, dem Kontext und der Beziehung ab.
5 Bücherfunde, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Klischee „Frau / Mann“ auseinandersetzen*
- Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken
- Warum die nettesten Männer bei den schrecklichsten Frauen bleiben …: … und die netten Frauen verlassen – Why Men Marry Bitches
- Wieso Männer die Macht über die Wäsche und nicht die Welt haben sollten: Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt
- Vorurteile: haben immer nur die anderen
- Warum Frauen die Welt retten werden: und Männer dabei unerlässlich sind
Der Kern aus wissenschaftlicher Sicht
Dennoch gibt es Bereiche, in denen die Forschung durchschnittliche Tendenzen feststellt, die diese Klischees teilweise speisen:
- Psychologische Unterschiede: In der Psychologie gibt es Studien, die im Durchschnitt geringfügige Unterschiede in Bezug auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale feststellen (z.B. Frauen tendenziell etwas höhere Werte bei Verträglichkeit und Offenheit, Männer etwas höhere Werte bei Durchsetzungsvermögen). Diese Merkmale könnten dazu führen, dass Frauen im Job eher Wert auf Konsens legen (Harmonie), während Männer in bestimmten Kontexten eher klare Hierarchien suchen (Struktur).
- Führungskräfteforschung: In der Forschung zu Führungsstilen werden ähnliche Begriffe verwendet. Hier wird beispielsweise oft zwischen transaktionaler Führung (fokusiert auf Struktur, Aufgaben, Belohnung und Bestrafung – ähnelt dem „Ergebnisdenker“) und transformationaler Führung (fokusiert auf die Entwicklung der Mitarbeiter, Beziehung und Motivation – ähnelt dem „Beziehungsdenker“) unterschieden. Studien haben hier manchmal gezeigt, dass Frauen durchschnittlich häufiger transformationale Elemente verwenden, aber die Unterschiede sind gering und die effektivsten Führungskräfte nutzen ohnehin beide Stile.
Fazit
Die beiden erwähnten Behauptungen (siehe Artikelbeschreibung) sind eine populärwissenschaftliche (oder klischeehafte) Verkürzung von potenziell beobachtbaren durchschnittlichen Unterschieden im Verhalten. Wissenschaftlich fundiert ist nicht die starre Zuordnung von „Ergebnisdenken“ zu Männern und „Beziehungsdenken“ zu Frauen, sondern höchstens die Feststellung, dass einzelne Elemente dieser Denkstile in manchen Kontexten bei einem Geschlecht etwas häufiger auftreten.
Hier einige Quellennachweise und Konzepte, die die Grundlage für die Diskussion um diese Denkstile bilden. Die Wissenschaft unterscheidet hier typischerweise nicht direkt zwischen „Ergebnis-“ und „Beziehungsdenkern“, sondern verwendet präzisere Begriffe aus der Psychologie, der Führungsforschung und den Neurowissenschaften.
1. Persönlichkeitspsychologie („Big Five“ und Geschlechtsunterschiede)
Die Grundlage für die Annahme von Unterschieden in Verträglichkeit (Konsens, Harmonie) und Durchsetzungsvermögen (Fakten, Zielorientierung) liegt in der Forschung zu den sogenannten Big Five Persönlichkeitsmerkmalen.
| Thema | Studien/Quellen (Englische Originale sind oft die Basis) | Relevante Aspekte |
| Big Five und Geschlecht | Costa, P. T., Jr., Terracciano, A., & McCrae, R. R. (2001). Gender differences in personality traits across cultures: Robust and surprising findings. Journal of Personality and Social Psychology, 81(2), 322–331. | Zeigt, dass Frauen im Durchschnitt in vielen Kulturen höhere Werte in Verträglichkeit (Kooperation, Mitgefühl) und Neurotizismus (emotionale Labilität) erzielen, während Männer tendenziell höhere Werte in Durchsetzungsvermögen zeigen. Die absoluten Unterschiede sind jedoch klein. |
| Meta-Analyse von Geschlechtsunterschieden | Zell, E., Krizan, Z., & Teeter, S. R. (2015). Evaluating gender similarities and differences using metasynthesis. American Psychologist, 70(1), 10–20. | Eine umfassende Meta-Analyse, die bestätigt, dass die Größe der Geschlechtsunterschiede in den meisten psychologischen Merkmalen klein ist, was die strikte Einteilung in zwei Denker-Typen als Klischee entlarvt. |
2. Führungsforschung (Transaktionale vs. Transformationale Führung)
Die Begriffe „Ergebnisdenker“ und „Beziehungsdenker“ spiegeln stark die in der Führungsforschung etablierten Konzepte der Transaktionalen und Transformationalen Führung wider, wobei hier auch Geschlechterunterschiede untersucht wurden.
| Konzept | Beschreibung der Korrelation zum Klischee | Forschungsgrundlage |
| Transaktionale Führung | Ähnelt dem „Ergebnisdenker“: Fokus auf Regeln, klare Ziele, Leistungskontrolle und Austausch (Leistung gegen Belohnung). | Bass, B. M. (1985). Leadership and Performance Beyond Expectations. (Definiert das ursprüngliche Modell der Transaktionalen und Transformationalen Führung.) |
| Transformationale Führung | Ähnelt dem „Beziehungsdenker“: Fokus auf Inspiration, Sinnvermittlung, Motivation, individuelle Mitarbeiterentwicklung und Aufbau von Vertrauen. | Burns, J. M. (1978). Leadership. (Begründete den Begriff.) Bass, B. M. & Avolio, B. J. (1994). Improving Organizational Effectiveness Through Transformational Leadership. |
| Geschlecht und Führung | Studien in diesem Bereich haben teilweise geringfügige Tendenzen gezeigt, dass Frauen im Durchschnitt stärker transformationale Elemente nutzen als Männer. Die effektivste Führung kombiniert jedoch beide Stile. | Eagly, A. H., Johannesen-Schmidt, M. C., & van Engen, M. L. (2003). Transformational, transactional, and laissez-faire leadership styles: a meta-analysis comparing women and men. Psychological Bulletin, 129(4), 569–591. |
3. Neurowissenschaften (Gehirnanatomie)
In den Neurowissenschaften wird nach biologischen Ursachen gesucht, die Denkstile beeinflussen könnten, wobei die Ergebnisse oft sehr vorsichtig interpretiert werden müssen.
| Studie/Forschung | Erkenntnis (Achtung: nicht direkt auf „Denkstile“ anwendbar!) | Autor/Jahr |
| Konnektivitätsunterschiede | Es wurden geringfügige Unterschiede in der Konnektivität (Vernetzung) im Gehirn festgestellt: Männer zeigen im Durchschnitt eine stärkere Vernetzung innerhalb der Hemisphären (vorne nach hinten), Frauen stärkere Vernetzung zwischen den Hemisphären (links und rechts). | Verma, R., et al. (2014). Sex Differences in the Structural Connectome of the Human Brain. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). |
Diese wissenschaftlichen Arbeiten legen also nahe, dass es durchschnittliche Geschlechterunterschiede in bestimmten, eng definierten psychologischen und neurologischen Merkmalen gibt.
Bildnachweis:GGI







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