Jeder kennt es: Die verzweifelte Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Die Politik antwortet darauf seit Jahren mit einem Mantra, das so simpel wie einleuchtend klingt: „Bauen, bauen, bauen“. Doch wenn wir hinter die Kulissen der aktuellen Gesetzesentwürfe und Marktmechanismen schauen, bröckelt die Fassade gewaltig. Statt bezahlbarem Wohnraum schaffen wir Renditeobjekte, während Milliarden an Steuergeldern direkt in die Taschen von Großkonzernen fließen, anstatt nachhaltige Werte zu schaffen. Wir haben die Fakten der Sendung vom 11. November 2025 analysiert und zeigen auf, warum der geplante „Bauturbo“ eher ein „Spekulationsturbo“ ist.
Die Bau-Lüge: Warum der „Bauturbo“ scheitert und wir Milliarden zum Fenster rauswerfen
Hand aufs Herz: Glaubst du noch daran, dass es bald besser wird auf dem Wohnungsmarkt? Die Versprechen aus Berlin klingen jedenfalls poetisch. Da ist die Rede von „Sonnenstrahlen hinter den Wolken“ und einem „Bauturbo“, der endlich den Knoten platzen lassen soll. Doch wenn man sich die Zahlen und Fakten aus dem aktuellen Faktencheck der „Anstalt“ ansieht, muss man leider sagen: Wir werden hier ganz schön an der Nase herumgeführt.
Lass uns gemeinsam eintauchen in die Welt der Paragrafen, der Bodenpreise und der bitteren Realität, die zeigt: Mehr Beton bedeutet noch lange nicht mehr Gerechtigkeit.
🚀 Der „Bauturbo“: Vollgas in die falsche Richtung?
Das Zauberwort der Stunde heißt „Bauturbo“. Das klingt dynamisch, nach Fortschritt und Ärmel hochkrempeln. Konkret geht es um den Paragrafen 246e im Baugesetzbuch. Die Idee: Wenn eine Gemeinde zustimmt, können Bauprojekte radikal beschleunigt werden, indem man auf bisherige Vorschriften und langwierige Bebauungspläne verzichtet. Statt fünf Jahre Planung soll eine Genehmigung fiktiv schon nach drei Monaten vorliegen.
Klingt erst mal super, oder? Wer wartet schon gerne fünf Jahre? Das Problem ist nur: Diese „Vorschriften“, die hier als Schnickschnack abgetan werden, sind oft essenziell. Es geht um Umweltschutz, Lärmschutz und Bürgerbeteiligung. Kritiker warnen, dass demokratische Mitbestimmung ausgehebelt wird und Schallprognosen so oberflächlich werden könnten, dass am Ende Wohnungen dort entstehen, wo der Lärm eigentlich unzumutbar ist.
Und das Schlimmste: Der „Turbo“ garantiert keineswegs bezahlbaren Wohnraum. Der Gesetzesentwurf wurde so aufgeweicht, dass nun auch Ein- und Zweifamilienhäuser unter die Sonderregelung fallen – statt nur der dringend benötigte Geschosswohnungsbau. Wir opfern also Standards und Mitspracherechte, damit am Ende vielleicht ein paar Einfamilienhäuser für Gutverdiener schneller stehen, während das eigentliche Ziel – bezahlbare Mietwohnungen – verfehlt wird.
🏚️ Das Märchen vom „Sickereffekt“
Ein beliebtes Argument der Immobilienlobby ist der sogenannte „Sickereffekt“ (Filtering). Die Theorie geht so: Wir bauen teure Luxuswohnungen für Reiche. Die ziehen dort ein und machen ihre bisherigen, etwas günstigeren Wohnungen frei. Dort zieht die Mittelschicht ein, die wiederum noch günstigere Wohnungen freimacht – und am Ende „sickert“ eine Wohnung für Geringverdiener durch.
In der Theorie klingt das logisch. In der Praxis ist es leider Humbug, zumindest in angespannten Märkten. Studien belegen: Wenn eine Wohnung in einer Großstadt frei wird, wird die Miete bei der Neuvermietung oft drastisch erhöht. In Leipzig etwa werden 65 % der freiwerdenden Wohnungen in ein höheres Preissegment katapultiert. Der Sickereffekt verpufft, weil die Gier nach Rendite die Kette unterbricht. Selbst eine neugebaute Luxuswohnung am Stadtrand hat im Extremfall kaum einen sozialen Nutzen, weil die Mietsteigerungen im Bestand den Effekt auffressen. Wir bauen also Penthouses und hoffen, dass unten Krümel ankommen – aber die bleiben auf dem Weg hängen.
💸 Steuergelder für Konzerne statt für Wohnungen
Jetzt wird es richtig schmerzhaft für jeden Steuerzahler. Wir geben in Deutschland Unsummen für die sogenannte „Subjektförderung“ aus. Das ist Geld, das der Staat Einzelpersonen gibt, damit sie ihre Miete zahlen können – also Wohngeld und die Kosten der Unterkunft beim Bürgergeld.
Allein für das Wohngeld und die Unterkunftskosten von Bürgergeldempfängern zahlen wir jährlich rund 20 Milliarden Euro. Wo landet dieses Geld? Richtig, auf den Konten der Vermieter. Darunter Giganten wie Vonovia, die allein im letzten Jahr eine Milliarde an Dividenden ausgeschüttet haben. Wir subventionieren also mit Steuergeldern die Gewinne von Aktionären.
Der Experte Andrej Holm hat nachgerechnet: Würde die öffentliche Hand diese 20 Milliarden Euro stattdessen nutzen, um selbst Wohnungen zu kaufen oder zu bauen (Objektförderung), könnten wir jedes Jahr rund 150.000 Wohnungen dauerhaft in öffentlichen Besitz bringen und günstig vermieten. Stattdessen füttern wir ein System, das Mieten hochhält, anstatt den Markt durch staatliches Eigentum zu entspannen.
🚜 Boden: Das Gold unter dem Acker
Ein oft übersehener Treiber der Krise ist der Boden selbst. Durch den „Bauturbo“ wird landwirtschaftliche Fläche plötzlich zu Bauland – und damit explodiert der Wert. Die Preise für Ackerland sind ohnehin schon so hoch, dass junge Landwirte kaum noch eine Chance haben.
In München sind die Bodenpreise zwischen 1950 und 2015 um sagenhafte 35.000 Prozent gestiegen. Wenn der Staat nun durch Deregulierung Ackerland noch einfacher zu Bauland macht, freuen sich vor allem Spekulanten. Ohne ein verpflichtendes Baugebot können Investoren Grundstücke kaufen, auf die Wertsteigerung durch den „Turbo“ warten und diese dann steuerfrei weiterverkaufen, ohne dass auch nur ein einziger Ziegelstein bewegt wurde. Es ist ein „Vermögens-Turbo“, kein Bauturbo.
🇦🇹 Der Blick nach Wien: Es geht auch anders
Dass es keine Naturgesetz ist, den Wohnungsmarkt dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, zeigt ein Blick zu unseren Nachbarn. In Österreich, und speziell in Wien, läuft es anders. Wien hat einen riesigen Bestand an Gemeindewohnungen. 60 Prozent der Wiener leben in städtischen oder geförderten Wohnungen.
Der Clou: Diese Wohnungen gehören der Stadt oder Genossenschaften und sind dem Markt entzogen. Das drückt das allgemeine Mietniveau. In Wien zahlt man für 100 Quadratmeter im Gemeindebau im Schnitt 490 Euro kalt. Ja, richtig gelesen.
Zudem investiert Österreich viel mehr in den Bau von Wohnungen (Objektförderung) als in Mietzuschüsse. Österreich hat im Verhältnis zur Bevölkerung 8,5-mal mehr geförderte Wohnungen als Deutschland. In Deutschland hingegen hat sich der Bestand an Sozialwohnungen in den letzten 20 Jahren halbiert, weil sie nach 15 bis 25 Jahren aus der Bindung fallen und teuer vermietet werden dürfen. Ein Systemfehler mit Ansage.
⚖️ Fazit: Wir brauchen eine Kehrtwende
Die Fakten liegen auf dem Tisch und sie sind ernüchternd. Die aktuelle Politik des „Bauen, Bauen, Bauen“ unter den jetzigen Bedingungen ist ein Geschenk an die Immobilienlobby, löst aber die soziale Frage nicht.
- Der Bauturbo beschleunigt Prozesse auf Kosten der Umwelt und Demokratie, ohne bezahlbaren Wohnraum zu garantieren.
- Der Sickereffekt funktioniert nicht, weil Gier die Preise oben hält.
- Die Förderung fließt falsch: Statt Milliarden in Mietzuschüsse zu stecken, die bei Konzernen landen, müsste der Staat (wieder) selbst bauen und kaufen.
Wir brauchen keinen Turbo für Spekulanten, sondern einen Turbo für gemeinwohlorientiertes Bauen. Ein Blick nach Wien zeigt, dass das keine Utopie ist, sondern eine Frage des politischen Willens. Solange wir zulassen, dass Wohnraum primär eine Ware für Rendite ist und kein Grundrecht, werden wir weiter Milliarden verbrennen, während die Mieten steigen. Es ist Zeit, dass wir uns nicht mehr mit Wolkenschieberei und Sonnenstrahlen-Rhetorik abspeisen lassen.
Quelle: ZDF Sendung: Die Anstalt vom 11. Novemver 2025
Bildnachweis: GGI / tippgeber.com







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