Hintergrundinformation: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha (Hessen) erschossen. Der Täter, Stephan E., wurde festgenommen, verurteilt und war nachweislich in rechtsextremen und neonazistischen Kreisen aktiv. Die Bundesanwaltschaft stufte die Tat als politisch motivierten Mord aus rechtsextremer Gesinnung ein.
Am 2. Dezember 2025 wurde die lebensgroße Bronzeskulptur des ermordeten Politikers Walter Lübcke heimlich in der Nacht vor dem Konrad-Adenauer-Haus — der Bundeszentrale der CDU — in Berlin-Mitte aufgestellt. Vorausgegangen war laut Bezirksamt Berlin-Mitte eine Genehmigung: Die Installation wurde als „Kunst im öffentlichen Raum“ bzw. Sondernutzung bewilligt — offiziell für eine Dauer von zwei Jahren.
Mit diesem „Walter-Lübcke Memorial“ will das Zenrum für politische Schönheit (ZPS) ein Mahnmal gegen Rechtsextremismus setzen und die CDU daran erinnern, dass kein Schulterschluss mit der AfD (und rechtsextremen Kräften) legitim sein darf. Die Aktion sorgt seitdem für mächtig Wirbel, empörte Pressemitteilungen und hektische Betriebsamkeit. Doch hinter dem theatralischen Lärm verbirgt sich eine tiefere politische Frage, die wir uns genauer ansehen müssen.
🏛️ Was ist vor dem Konrad-Adenauer-Haus passiert?
Es wirkte zunächst wie eine klassische Nacht-und-Nebel-Aktion, wie man sie vom ZPS kennt. In den frühen Morgenstunden hen platzierten die Aktionskünstler eine lebensgroße Bronzestatue des 2019 von einem Rechtsextremisten ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke direkt vor den Glaseingang der CDU-Bundeszentrale.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt, den viele zuerst übersehen haben: Die Statue von Walter Lübcke ist gekommen, um zu bleiben.
Anders als bei Guerilla-Aktionen sonst üblich, kann die CDU die Statue nicht einfach entfernen lassen. Das ZPS hat seine Hausaufgaben gemacht. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat das Projekt offiziell als „Kunst im öffentlichen Raum“ genehmigt. Es liegt eine reguläre Sondernutzungsgenehmigung vor. Das bedeutet: Walter Lübcke hat das amtliche Recht, dort zu stehen – und zwar für ganze zwei Jahre.
Er steht dort nun in einer ruhigen, festen Pose. Sie zeigt den Mann, der für seine Haltung zur Flüchtlingspolitik und seinen Satz, dass jeder, der die Werte des Grundgesetzes nicht teile, das Land verlassen könne, sterben musste.
🔥 Die Motivation: Ein „Mahnmal für die Brandmauer“
Warum macht das Zentrum für politische Schönheit so etwas? Die Künstlergruppe selbst nennt die Aktion ein „Mahnmal für die Brandmauer“.
Die Motivation ist klar politisch: Das ZPS wirft der CDU unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Merz vor, die sogenannte „Brandmauer“ zur AfD nicht ernst genug zu nehmen. Die Künstler sehen eine schleichende Normalisierung rechtsextremer Positionen und eine Aufweichung der Abgrenzung, insbesondere auf kommunaler Ebene.
Walter Lübcke ist für das ZPS – und für viele Demokraten in diesem Land – das tragischste Symbol dafür, wohin rechtsextremer Hass führt, wenn er von Worten in Taten umschlägt. Lübcke war ein CDU-Mann durch und durch, ein Konservativer, der aber für christliche Nächstenliebe und demokratische Grundwerte einstand, als der Wind von rechts rau wurde.
Indem das ZPS Lübcke vor die CDU-Zentrale stellt, sagen sie der Partei im Grunde: „Hier ist euer Held. Er ist für das gestorben, was ihr vorgebt zu verteidigen. Schaut ihm jeden Tag in die Augen, wenn ihr über Kooperationen mit Rechtsaußen nachdenkt.“ Es ist der Versuch, die CDU physisch an ihr eigenes moralisches Erbe zu binden.
😤 Die Empörung der CDU
Die Reaktion der CDU kam prompt und sie war heftig. Generalsekretär Carsten Linnemann bezeichnete die Aktion gegenüber der Presse als „unanständig und würdelos“. Man warf den Künstlern vor, das Andenken Lübckes zu instrumentalisieren. Die Empörung ist meines Erachtens nicht nachvollziehbar.
Aber da die Statue nun mal eine offizielle Genehmigung hat, wirkt der Protest der CDU seltsam hilflos.
Und hier liegt der entscheidende Punkt, über den wir reden müssen:
Wäre es nicht ein Zeichen von unglaublicher politischer Souveränität und Stärke gewesen, wenn die CDU anders reagiert hätte? Wenn Friedrich Merz oder Carsten Linnemann vor die Kameras getreten wären und gesagt hätten:
„Wir danken den Künstlern, auch wenn uns ihre Methoden nicht immer gefallen. Walter Lübcke ist einer von uns. Wir sind stolz auf ihn. Diese Statue gehört genau hierhin. Sie erinnert uns jeden Tag daran, dass es keine Zusammenarbeit mit den Feinden der Demokratie geben darf. Wir freuen uns, dass er die nächsten zwei Jahre hier Wache hält.“
Das wäre eine Ansage gewesen. Das wäre wahre Stärke. Es hätte den Wind aus den Segeln genommen, indem man die Botschaft einfach annimmt. Denn wenn die Brandmauer der CDU wirklich felsenfest steht, dann ist diese Statue keine Anklage, sondern eine Bestätigung.
Indem die CDU aber „empört“ reagiert und sich über die „Instrumentalisierung“ beschwert, sendet sie – vielleicht ungewollt – das Signal, dass sie sich bei dem Thema ertappt fühlt. Dass der bronzene Lübcke ein unbequemer Zeuge ist, der stört. Eine selbstbewusste Partei der Mitte, die ihre antifaschistischen Wurzeln kennt, müsste sich vor einem Denkmal für Walter Lübcke nicht fürchten. Sie müsste es umarmen.
🎭 Über das Zentrum für politische Schönheit (ZPS)
Wer sind diese Leute, die der mächtigsten Partei Deutschlands den Tag verderben und sich durch den Berliner Behördendschungel kämpfen? Das Zentrum für politische Schönheit ist ein in Berlin ansässiges Künstlerkollektiv, das vor allem durch seinen Gründer und künstlerischen Leiter Philipp Ruch bekannt ist.
Sie selbst bezeichnen ihre Arbeit oft als „aggressiven Humanismus“. Das ZPS ist keine nette Theatergruppe. Ihre Aktionen sind darauf ausgelegt, wehzutun, zu stören und die Grenzen zwischen Kunst, Politik und manchmal auch dem Strafrecht zu verwischen. Sie wollen nicht nur Debatten anstoßen, sie wollen sie erzwingen.
In der Vergangenheit haben sie beispielsweise:
- Ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust direkt im Nachbargarten des AfD-Politikers Björn Höcke in Bornhagen nachgebaut.
- Im Rahmen der Aktion „Die Toten kommen“ die Leichen ertrunkener Geflüchteter an den EU-Außengrenzen exhumiert und in Berlin würdevoll bestattet.
- Nach eigenen Angaben Scholl-Geschwister-Flugblätter bei einem AfD-Parteitag verteilt.
Ihre Methoden sind oft brachial, moralisch grenzwertig und juristisch umstritten. Aber sie schaffen es immer wieder, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, die andere lieber ignorieren würden. Sie sind der nervige Hofnarr der modernen Demokratie, der die Mächtigen zwingt, in den Spiegel zu schauen – auch wenn das Bild manchmal hässlich ist.
💡 Fazit: Es war eine notwendige Aktion
Die Lübcke-Statue vor dem Konrad-Adenauer-Haus ist vielleicht ein Ärgernis. Sie ist vielleicht eine Anmaßung. Und genau deshalb ist sie gute politische Kunst.
Sie zwingt die CDU, sich zu verhalten. Nicht nur zu einer Statue, sondern zu dem Vermächtnis eines ihrer eigenen Leute. Die aktuelle Empörung der Parteispitze wirkt defensiv. Es bleibt zu hoffen, dass nach dem ersten Ärger eine tiefere Reflexion einsetzt. Denn ein Walter Lübcke aus Bronze vor der eigenen Tür sollte für Christdemokraten kein Grund zur Scham sein, sondern ein Grund zum Stolz.
Er hat jetzt zwei Jahre Zeit, seine Partei daran zu erinnern.
Bildnachweis: high_resolution / Adobe Stock








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