„Wir wollten es nicht sehen.“ Diesem Zitat von Wolfgang Schäuble gehen Katja Gloger und Georg Mascolo in einer atemberaubenden Recherche nach.
Ein Schlüsselwerk zum Verständnis der Gegenwart: Das Investigativ-Duo Katja Gloger und Georg Mascolo deckt in „Das Versagen“ die fatalen Irrtümer der deutschen Russlandpolitik auf. Mit scharfer Analyse und bislang unbekannten Details zeigen sie, wie deutsche Spitzenpolitiker die Warnungen vor Wladimir Putin ignorierten und wie tief die Verstrickungen zwischen deutschen Eliten und dem Kreml-Regime wirklich reichten.
Das Buch „Das Versagen: Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“ von den Journalisten Katja Gloger und Georg Mascolo ist eine umfassende und kritische Aufarbeitung der deutschen Russlandpolitik der letzten Jahrzehnte.
Auch als Russland 2022 die Ukraine angriff, zeigte sich ein kolossales Versagen der deutschen Außenpolitik.
Im Kern geht es darum, warum die deutsche Politik und Wirtschaft Wladimir Putins neo-imperiale und aggressive Agenda jahrelang ignoriert, verdrängt oder sogar gefördert haben.
Die wichtigsten Punkte:
- Kritische Analyse des „Wegschauens“: Die Autoren untersuchen detailliert, warum deutsche Politiker, Entscheidungsträger und Wirtschaftsführer (oft in der Hoffnung auf Wandel durch Handel) die zahlreichen Warnungen vor Putins tatsächlichen Absichten ignoriert haben – bis zum Angriff auf die Ukraine 2022.
- Aufdeckung von Verstrickungen: Das Buch beleuchtet die engen Verbindungen und Verstrickungen zwischen dem Kreml-Regime und deutschen Akteuren, insbesondere im Zusammenhang mit den milliardenschweren Energiegeschäften (Stichwort: Gaspipelines). Es geht um die Rolle von ehemaligen Spitzenpolitikern (wie Gerhard Schröder) und großen deutschen Unternehmen.
- Investigative Recherche: Gloger und Mascolo stützen sich auf jahrelange Recherche und analysieren spektakuläre, teils bisher unveröffentlichte Dokumente (Geheimdokumente), um die Naivität der deutschen Appeasement-Politik und die Tricks des russischen Präsidenten schonungslos aufzudecken.
- Chronologie des Versagens: Es wird der Weg von den hoffnungsvollen Zielen der deutschen Außenpolitik nach dem Kalten Krieg über die schrittweise Ignoranz gegenüber den zunehmend aggressiven Handlungen Putins bis hin zur russischen Vollinvasion der Ukraine nachgezeichnet.
Wann und welche Weichen falsch gestellt wurden
Das politische und wirtschaftliche Versagen fing sehr früh an:
| Wann | Was | Das Versagen (nach Gloger/Mascolo) |
| Vor 2007 | Geheimdienst-Dossiers | Deutsche Geheimdienste und das Auswärtige Amt warnten frühzeitig in vertraulichen Dokumenten vor Putins imperialen Gelüsten und Plänen für einen bewaffneten Konflikt, doch diese wurden ignoriert. |
| 2007 | Putin-Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz | Putin hielt eine hoch aggressive Rede gegen die NATO-Osterweiterung und die USA. Die deutsche Lesart war: Man nahm es nicht als ernsthafte Drohung, sondern als „russischen Weltschmerz“ oder innere Befindlichkeit wahr. |
| 2007/2008 | Geheimdossier Auswärtiges Amt | Ein detailliertes Dossier des Auswärtigen Amtes beschrieb bereits die Gefahr eines bewaffneten Konflikts um die Krim und die Ostukraine. Dieses brisante Dokument wurde im Archiv abgelegt und seine Warnungen nicht in politische Entscheidungen umgesetzt. |
| 2008 | NATO-Gipfel in Bukarest | Deutschland und Frankreich blockierten eine konkrete Perspektive für die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine und Georgiens. Dies wurde von Putin als Schwäche und faktische „rote Linie“ interpretiert und als Freifahrtschein für weitere Aggressionen gesehen. |
| 2014 | Annexion der Krim und Krieg im Donbass | Die Reaktion des Westens, einschließlich Deutschland, bestand nur aus „lauen Sanktionen“, die für Russland wirtschaftlich kaum schmerzhaft waren. Das Signal an Putin war, dass territoriale Aggressionen hingenommen würden. |
| Lange Phase | Nord Stream 2 und Wirtschaftsinteressen | Die Politik (insbesondere unter Kanzlerin Merkel, nach den Vorarbeiten von Schröder) hielt trotz aller Konflikte und Warnungen am Bau der Gaspipeline fest, wodurch ökonomische Interessen über sicherheitspolitische Notwendigkeiten gestellt wurden und eine fatale Energieabhängigkeit geschaffen wurde. |
| Bis 2022 | „Appeasement“ und Verdrängung | Selbst Ereignisse wie die Mordanschläge und der Fall Nawalny änderten den sehr pragmatischen Kurs der deutschen Politik nicht grundlegend, da man weiterhin auf Dialog und „Wandel durch Handel“ setzte. |
Die Hauptverantwortlichen
1. Politische Führung (Bundeskanzler und Regierungen)
Das zentrale Versagen liegt in der kontinuierlichen Fehleinschätzung Wladimir Putins durch aufeinanderfolgende deutsche Regierungen (beginnend mit Gerhard Schröder bis zur Ära Angela Merkels).
- Gerhard Schröder wird wegen seiner besonders engen persönlichen und wirtschaftlichen Nähe zu Putin und dem Wechsel in russische Energiekonzerne scharf kritisiert, da er die Verflechtung von Politik und Gaskonzernen maßgeblich vorantrieb.
- Angela Merkel wird vorgeworfen, die Warnungen nach der Georgien-Krise (2008) und der Krim-Annexion (2014) nicht in eine konsequentere sicherheitspolitische Wende umgesetzt zu haben, sondern den Fokus weiterhin auf den Dialog und die Energiezusammenarbeit (Nord Stream 2) gelegt zu haben.
2. Wirtschaft (Lobbyismus und Konzerne)
Die mächtige deutsche Wirtschaft spielte eine Schlüsselrolle.
- Führende Konzerne (insbesondere im Energie- und Industriebereich) drängten auf eine Fortsetzung des „Wandels durch Handel“, auch als Putin immer aggressiver wurde.
- Ihr ökonomisches Interesse an billigem Gas und großen Märkten überlagerte die politischen und sicherheitspolitischen Bedenken, was die Abhängigkeit Deutschlands zementierte.
3. Bürokratie und Geheimdienste
Obwohl die eigentlichen Warnungen aus der Tiefe des Apparats kamen, wird auch hier ein Problem identifiziert:
- Das Buch belegt, dass deutsche Geheimdienste und das Auswärtige Amt frühzeitig präzise Dossiers mit Warnungen vor Putins imperialen Plänen lieferten (z.B. das Dossier von 2007, das vor einem möglichen Konflikt um die Krim warnte).
- Das Versagen besteht darin, dass diese brisanten Erkenntnisse im politischen Apparat nicht aufgegriffen, sondern ignoriert oder wegarchiviert wurden, da sie nicht zur herrschenden politischen Linie passten.
4. Die „Russland-Versteher“-Elite
Eine breite Elite aus Politik, Kultur, Medien und Wissenschaft trug zur kollektiven Verdrängung bei. Diese Gruppe war oft von einer idealistischen Haltung geprägt, dass eine enge Bindung an Russland (trotz aller Kritik) der beste Weg zu Frieden sei. Dieses Denken sorgte dafür, dass kritische Stimmen und abweichende Positionen in der öffentlichen und politischen Debatte kaum Gehör fanden.
Fazit
Zusammenfassend ist das Buch eine schmerzhafte, aber notwendige Lektüre, die das Ausmaß des kollektiven Versagens und der Verdrängung in der deutschen Außenpolitik gegenüber Russland dokumentiert. Es dient als Schlüsselwerk zum Verständnis der aktuellen, gefährlichen geopolitischen Lage.
Über Katja Gloger und Georg Mascolo
Das Ehepaar Gloger und Mascolo arbeitet häufig zusammen und veröffentlichte gemeinsam Bestseller.
Katja Gloger ist eine deutsche Journalistin und Publizistin mit Schwerpunkt auf Russland und internationaler Sicherheitspolitik. Sie war lange Jahre Moskau- und USA-Korrespondentin des Stern und interviewte unter anderem Wladimir Putin.
Georg Mascolo ist ein führender investigativer Journalist und Publizist, der von 2008 bis 2013 Chefredakteur des Spiegel war. Er leitete zudem die Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung und ist als Terrorismusexperte bekannt.
Bildnachweis: Canva / tippgeber.com







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