🌍 Deutschland & Europa: Der Eiertanz zwischen Moral und Geschäft
Die Beziehungen zwischen Europa (speziell Deutschland) und Riad lassen sich am besten mit einem Wort beschreiben: Ambivalent.
Politik & Handel: Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner Saudi-Arabiens. Es geht nicht nur um Öl (das Deutschland diversifiziert), sondern um die Zukunft: Wasserstoff. Saudi-Arabien soll der Lieferant für grüne Energie werden („Vision 2030“). Deutsche Firmen wie Siemens oder Thyssenkrupp sind heiß begehrt für Großprojekte wie die futuristische Wüstenstadt NEOM. Politisch übt Berlin oft den Spagat: Man kritisiert die Menschenrechtslage (laut), braucht die Saudis aber als stabilisierenden Faktor im Nahen Osten (leise), besonders im Umgang mit dem Iran und zur Sicherheit Israels.
🔫 Der heikle Punkt: Waffenexporte Lange galt in Deutschland ein Rüstungsexportstopp (Reaktion auf den Khashoggi-Mord und den Jemen-Krieg). Doch die Realität hat die Moral eingeholt.
- Deutschland: Die damalige Ampel-Koalition hat den Kurs 2023/2024 geändert. Die ersten Berichte waren bereits im Jahr 2022 in den Medien zu lesen. Außenministerin Baerbock gab grünes Licht für die Lieferung von Iris-T-Lenkflugkörpern und signalisierte Zustimmung für Eurofighter-Jets.
- Zahlen: Im Jahr 2023 genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien im Wert von ca. 13,3 Millionen Euro. Das klingt wenig, aber durch die Freigabe der Eurofighter (ein Gemeinschaftsprojekt mit UK, Italien, Spanien) geht es potenziell um Milliarden in der Zukunft.
- Großbritannien & Frankreich: Hier ist man weniger zimperlich. Beide Länder sind traditionell massive Waffenlieferanten. London und Paris sehen Riad als strategischen Partner, den man nicht an China oder Russland verlieren will.
- Zahlen: Großbritannien hat seit Beginn des Jemen-Krieges (2015) Waffen im Wert von über 20 Milliarden Pfund lizenziert.
🇺🇸 USA: Die „Öl-für-Sicherheit“-Allianz
Die Beziehung USA-Saudi-Arabien ist die älteste und tiefste strategische Partnerschaft in der Region.
Politik & Handel: Der Deal war Jahrzehnte alt: Die USA garantieren Sicherheit, die Saudis liefern billiges Öl. Unter Joe Biden kühlte das Verhältnis kurz ab (er nannte Riad einen „Pariah“), aber Realpolitik zwang ihn zurück an den Tisch. Mit Donald Trump (wie in deinem Szenario erwähnt) wird die Beziehung wieder auf „Business first“ gestellt. Es geht um einen gigantischen Verteidigungspakt und die Normalisierung der Beziehungen zu Israel.
🔫 Waffenexporte: Die USA sind der unangefochtene „Big Boss“ der Waffenlieferungen.
- Dominanz: Etwa 75% bis 80% aller saudischen Waffenimporte stammen aus den USA.
- Zahlen: Wir reden hier über laufende Verträge im Wert von über 100 Milliarden Dollar. Allein in den letzten Jahren flossen jährlich Rüstungsgüter im Wert von mehreren Milliarden Dollar (Kampfjets, Raketenabwehrsysteme THAAD/Patriot).
⚖️ Der große Widerspruch: Reformen vs. Richtschwert
In den Nachrichten liest man oft von der „Modernisierung“ unter Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS). Wie passt das mit archaischen Strafen zusammen?
1. Die Glitzer-Fassade (Vision 2030): MBS will das Land vom Öl unabhängig machen. Dafür liberalisiert er die Gesellschaft oberflächlich:
- Frauen dürfen Auto fahren und ohne männlichen Vormund reisen.
- Kinos wurden geöffnet, Weltstars geben Konzerte.
- Sport-Events (Formel 1, Fußball-WM 2034, Cristiano Ronaldo) sollen das Image aufpolieren (Sportswashing).
2. Die brutale Realität: Die Analyse zeigt: Die Reformen dienen dem Machterhalt und der Ökonomie, nicht der Demokratie. Wer politisch aufmuckt, wird bestraft.
- Hinrichtungen: Die Zahlen sind schockierend hoch.
- Beispiel: Im Jahr 2022 wurden an einem einzigen Tag 81 Menschen hingerichtet.
- Trend: 2023 wurden mindestens 170 Menschen exekutiert. Auch 2024 setzten sich Hinrichtungen wegen Drogendelikten und „Terrorismus“ (oft ein Gummiparagraf für Regimekritik) fort.
- Der Widerspruch: Man darf jetzt im Bikini am Strand liegen (im „Red Sea Project“), aber einen Tweet gegen den König abzusetzen, kann immer noch lebenslange Haft oder den Tod bedeuten.
🤝 Wer empfängt den Kronprinzen (MBS)?
Nach dem Khashoggi-Mord (2018) war MBS international isoliert. Diese Isolation ist jedoch komplett vorbei. Er wird wieder auf dem roten Teppich empfangen:
- Frankreich: Emmanuel Macron war einer der ersten westlichen Führer, der MBS rehabilitierte. Er empfing ihn bereits 2022 und 2023 im Élysée-Palast zum Abendessen.
- Großbritannien: Rishi Sunak lud MBS 2023 ein (Besuch wurde damals geplant), und die Beziehungen unter Keir Starmer laufen auf wirtschaftlicher Ebene weiter.
- Deutschland: Olaf Scholz besuchte MBS in Saudi-Arabien (Dschidda), um Energiepartnerschaften zu besiegeln. MBS selbst wird wieder als legitimer Partner auf G20-Gipfeln und internationalen Konferenzen behandelt.
- USA: Joe Biden traf ihn 2022 (der berühmte „Fist Bump“). Und wie du erwähnt hast, hat Donald Trump die Beziehungen 2025 durch ein persönliches Treffen wieder demonstrativ gefestigt.
🛦 Rüstungsexporte im Deep-Dive
Eines vorweg: Bei Rüstungsexporten muss man immer unterscheiden zwischen genehmigten Lizenzen (das politische „Ja“) und den tatsächlichen Ausfuhren (das physische „Liefern“). Die Lizenzen sind oft höher, da sie Rahmenverträge über Jahre abdecken.
🔫 Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien (Schätzwerte der letzten 5 Jahre)
Die USA spielen hier in einer ganz eigenen Liga, während Europa (und besonders Deutschland) politisch schwankt.
| Land | Volumen (Trend/Schätzung 2020–2025) | Status Aktuell (Ende 2025) | Top-Rüstungsgüter |
| 🇺🇸 USA | Ø 3–5 Mrd. USD / Jahr (Ausfuhren) | Massiv steigend. Unter Trump wird die „Buy American“-Strategie forciert. | Patriot-Systeme, THAAD-Abwehr, Kampfjets (F-15SA), Munition. |
| 🇬🇧 UK | Ø 1–2 Mrd. GBP / Jahr (Lizenzen) | Stabil hoch. London ist Riads wichtigster europäischer Partner für Luftwaffen-Support. | Eurofighter Typhoon (Wartung & Teile), Paveway-Bomben, Training. |
| 🇫🇷 Frankreich | Ø 500 Mio. – 1 Mrd. EUR / Jahr | Konstant. Frankreich nutzt Lücken, die Deutschland lässt (z.B. bei Patrouillenbooten). | CAESAR-Haubitzen, Luftabwehr, Marine-Ausrüstung. |
| 🇩🇪 Deutschland | 2020-2023: < 40 Mio. € / Jahr (Fast Stopp) 2024/25: ~150+ Mio. € (Lizenzen steigen rasant) | Wendezeit. Das Embargo bröckelt massiv (siehe Iris-T & Eurofighter). | Iris-T (Luftabwehr), Eurofighter-Komponenten, Grenzsicherungstechnik. |
Der „Eurofighter-Effekt“: Da der Eurofighter ein Gemeinschaftsprojekt (UK, DE, IT, ES) ist, blockierte Deutschland jahrelang den Export neuer Jets durch Großbritannien an Saudi-Arabien. Diese Blockade wurde Anfang 2024 aufgegeben – ein riesiger politischer Shift, der die Zahlen für Deutschland bald in die Höhe treiben wird.
💰 Saudi-Arabiens Einkaufstour: Wer gehört wem?
Der saudische Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) ist das mächtigste Werkzeug des Kronprinzen. Er kauft sich weltweit Einfluss.
Die saudische Auto-Strategie: Saudi-Arabien investiert aggressiv in Elektromobilität und Luxus-Nischen, um die eigene Industrie („Ceer Motors“) aufzubauen.
Hier ist die Übersicht der „Big Deals“ in den genannten Ländern:
🇩🇪 Deutschland: Technik statt Tradition
Saudi-Arabien hält sich bei den ganz großen DAX-Namen direkter Beteiligungen eher zurück und setzt auf spezialisierte Technologie und Logistik.
- Hapag-Lloyd: Über Beteiligungen (CSAV) ist saudisches Kapital indirekt stark im Hamburger Logistikriesen vertreten.
- Thyssenkrupp Nucera: Der PIF war einer der Eckpfeiler-Investoren beim Börsengang der Wasserstoff-Sparte von Thyssenkrupp. Das passt perfekt zur Strategie, Wasserstoff-Weltmeister zu werden.
🇬🇧 Großbritannien: Sport & Prestige
London ist der „Spielplatz“ der Saudis. Hier wird „Soft Power“ gekauft.
- Newcastle United: Der Premier-League-Club gehört zu 80% dem PIF.
- Aston Martin: Saudi-Arabien ist mittlerweile zweitgrößter Aktionär (ca. 20,5%) beim James-Bond-Autohersteller. Sie pumpen Geld hinein, um die Marke elektrisch zu machen.
- Heathrow Airport: Der PIF hat 2024 einen 10%-Anteil am größten Flughafen Europas gekauft.
🇺🇸 USA: Tech, Gaming & Golf
Hier fließt das meiste Geld hin. Die Strategie: Weg vom Öl, hin zur Tech-Zukunft.
- Lucid Motors: Dem PIF gehören über 60% des E-Auto-Startups (Konkurrent zu Tesla). Es ist die wichtigste Industriewette der Saudis.
- Gaming: Anteile an Electronic Arts (EA), Take-Two (GTA-Macher) und Uber.
- PGA Tour / LIV Golf: Saudi-Arabien hat durch Milliarden-Investitionen faktisch den Profi-Golfsport der USA „übernommen“ bzw. fusioniert.
🇫🇷 Frankreich: Hotels & Kultur
- Accor: Über die Kingdom Holding (Prinz Alwaleed, der eng mit dem Staat kooperiert) hält man signifikante Anteile an der Hotelgruppe Accor (Fairmont, Raffles, Sofitel).
🌑 Hinrichtungen in Saudi-Arabien
Die Anzahl der Hinrichtungen in Saudi-Arabien ist in jüngster Zeit leider alarmierend hoch geblieben oder sogar gestiegen, was den Widerspruch zu den propagierten Reformen deutlich macht.
In den Nachrichten liest man oft von der „Modernisierung“ unter Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS). Wie passt dieser Glanz mit archaischen Strafen zusammen? Die Analyse zeigt: Die Reformen dienen dem Machterhalt und der Ökonomie, nicht der Demokratie. Wer politisch aufmuckt, wird bestraft.
Die Todesstrafe ist der brutalste Indikator für diesen Widerspruch. Die Zahlen der letzten Jahre sind schockierend:
| Jahr | Mindestanzahl an Hinrichtungen (Quelle: Amnesty International) | Anmerkung |
| 2022 | 196 | Höchste Zahl seit 30 Jahren; inkl. Massenhinrichtung von 81 Personen an einem Tag. |
| 2023 | 170 | Trotz internationaler Kritik bleibt die Zahl auf einem extrem hohen Niveau. |
| 2024 | 345 | Alarmierender Anstieg und ein neuer Höchstwert. Allein im Juni 2024 wurden laut Amnesty 46 Hinrichtungen vollzogen. |
Quelle: Anmesty International, Medienmitteilung 7. Juli 2025, London/Bern
Die Analyse des Widerspruchs:
Die Zahlen machen deutlich: Die Gesellschaft mag äußerlich liberalisiert werden (Kino, Sport-Events, Frauen am Steuer), aber das politische und juristische System bleibt rigide und brutal.
- Zweck der Reformen: Die Vision 2030 (Öffnung, Tourismus, Wirtschaft) soll Saudi-Arabien international salonfähig machen.
- Zweck der Hinrichtungen: Die exzessive Anwendung der Todesstrafe (oft für Drogendelikte oder im weit gefassten Kontext des „Terrorismus“, der auch Regimekritik umfasst) dient der inneren Machtstabilisierung und Abschreckung jeglicher Opposition.
Man kauft sich auf der einen Seite Anteile an globalen Unternehmen und inszeniert Formel-1-Rennen, während man auf der anderen Seite die Zahl der vollzogenen Todesurteile auf ein beispielloses Niveau treibt. Die „Modernisierung“ ist somit ein rein ökonomisches und soziales (nicht aber politisches oder juristisches) Projekt.
🙅 FAZIT
Saudi-Arabien ist der Beweis, dass im internationalen Geschäft Interessen fast immer Moral schlagen. Der Westen kauft sich Energie und regionalen Einfluss und akzeptiert dafür stillschweigend, dass die „Modernisierung“ Riads mit harter Hand erkauft wird.
Während wir im Westen politisch über Waffenlieferungen streiten, haben sich die Saudis längst in unsere Infrastruktur, unsere Lieblingssportarten und unsere Zukunftstechnologien eingekauft. Waffen sind für sie Sicherheit, aber die Firmenanteile sind ihre Lebensversicherung für die Zeit nach dem Öl.
Bildnachweis: GGI / tippgeber.com







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